Dietmar Wischmeyer

Das Gefasel

Meine Name ist Dietmar Wischmeyer und dies ist das Logbuch einer Reise durch das Land der Bekloppten und Bescheuerten. Hier ist mein Bericht.

Das Fernsehen ist niveaulos und blöd. Sicherlich. Aber immer noch besser als das Gefasel, das einem Freund Mitmensch ins Ohr hustet. Wie platt und dämlich das Drehbuch einer Folge des Bergpfarrers auf Rügen auch immer sein mag, interessanter als die ungeschnittene Nacherzählversion des Arbeitskollegen am anderen Morgen in der Firma allemal. Die Hälfte dessen, was die Bekloppten und Bescheuerten für mitteilenswert halten, besteht aus den spannenden Erlebnissen, die sie wieder einmal vor dem Bildschirm hatten. Die andere Hälfte sind pointenlose Anekdoten aus dem Heldenleben einer Arschgeige: "Weißt Du was mir heute auf der Straße passiert ist?" Ein außerirdischer Rottweiler hat Dich von hinten gepoppt? Nein? Ach so. Was denn? "Da is ein Fußgänger bei Rot über die Ampel. Dem hab ich aber was erzählt." Toll! Weder der Fußgänger noch ich interessieren sich aber für Deine Blödi-Meinung bezüglich der korrekten Verhaltensstrategien im öffentlichen Raum. Gerne berichtet der Faselkopp auch über seine weitreichenden Kontakte in die Glitzerwelt des Showbusiness. "Nen Freund von mir, der kennt die zweite Frau von Bata Illic noch aus der Schule." Ratlos steht man vor diesem immensen Zugewinn an enzyklopädischem Wissen und kann den Eingang der Information nur mit einem erstaunten Aha quittieren. Was immer sie uns erzählen, alle diese Nachbarn, Kollegen, Freunde, Ehegatten: Es ist in der Mehrzahl schlecht recherchiert, belanglos, grammatikalisch falsch und zu laut. Jede Baumarktbeilage aus der Tageszeitung enthält mehr Wahrheit als das Geblubber des Anrainermenschen.

Warum aber setzt sie sich endlos fort, die schlammige Flut des Geseires und Gefasels. Warum hören Menschen einander überhaupt noch zu? Es ist ein Pakt auf Gegenseitigkeit, der das überflüssig modulierte Ausatmen der Leute am Leben erhält. Wenn ich mir Deine Scheiße anhöre, dann mußt Du Dir auch meine anhören. Und so quietscht und knarzt die Tretmühle der Kommunikation bis in alle Ewigkeit: Mütter erzählen stolz vom sauber abgekniffenen Stuhl ihres Erstgeborenen, Rentner vom stillen Glück des Arbeitslagers für die verwöhnte Jugend und so weiter und so fort. Kein Tag vergeht, an dem nicht aus Treppenhäusern und Fluren der Kommunikationsmüll quillt, zu nichts weiter nutze als den Beteiligten das Gefühl zu geben, sie lebten noch. Wenn der Schimpansenpimpf seiner Mama die Zecke aus der Arschbehaarung rupft, so hat das die gleiche soziale Bedeutung wie das Gefasel des Wohnungsnachbarn über die letzte Max-Schautzer-Sendung. Nur mit dem Unterschied, daß die Schimpansenmama den geldwerten Vorteil der entfernten Zecke zusätzlich zur sozialen Komponente erhält, der Observationsbericht aus der Welt der dümmlichen Fernsehunterhaltung hingegen keinen Vorteil birgt. So laßt uns doch endlich aufhören mit dem Gelaber und zugeben, daß wir nichts Erzählenswertes je erleben und unsere Meinung der allerletzte unfundierte Blödsinn ist, der keinen interessiert. Statt des Gefasels kehrt wieder Ruhe ein in den Stuben und Fluren: Nachbarn schneiden sich gegenseitig die Fußnägel, Ehepaare kraulen sich den Rücken und Arbeitskollegen bürsten liebevoll die Schuppenflechte vom Anzug des Vordermanns. Und siehe da, wenn jemand dann seine Stimme erhebt, hat er tatsächlich etwas zu sagen und alle hören wieder zu.