Dietmar Wischmeyer

Die Erotik der Jesuslatsche

In Jesu Namen ist schon allerlei Schabernack getrieben worden die letzten zwei Jahrtausende. Merkwürdigerweise versteht man trotzdem unter "Christenverfolgung" noch immer die Nummer, bei der die Jungs mit dem Kreuz den passiven Part spielen. Nun denn: Inquisition und Scheiterhaufen sind vergessen, zwei andere Greueltaten im Namen des Nazareners aber noch in frischer Erinnerung: der SacroPop und die Jesuslatschen.

Wer jemals junge Menschen in einer Fußgängerzone beobachtet hat, die mit glasigem Blick um eine Gitarre geschart, jesusmäßiges Liedgut trällern, weiß, was ich meine. Die Sängerknaben sehen aus wie beim Casting der Vorhermodels für die Clerasil-Werbung und jaulen, als hätte sich der Piephahn im Schritt verkantet. Da rollen sich dem Herrn Zebaoth im Himmel die Fußnägel hoch. Apropos Fuß. Was da im Namen seines Sohnes zeitgleich als beschwingte Sandalette dargeboten wurde, ist die Härte: zwei bis drei Hundeleinen auf ein Brett genagelt, das war´s. Wobei die eine davon durch den Geländeeinschnitt am Großen Zeh führt und diesen stetig nässenden Wolf hervorrief, der das Schreiten zur Tortur werden ließ.

Ohnehin entsprengen die Jesuslatschen nicht der orthopädischen Spitzenforschung, sondern dem Basteltrieb des normalen WG-Zausels. Gerne auch wurde die linksradikale Sandalette aus dem Dritte-Welt-Laden bezogen, um so den revolutionären Kampf der unterdrückten Völker zu unterstützen. Hätte nur jeder bundesdeutschen Student in den Siebzigern 53 Paar Jesuslatschen gekauft pro Tag, okay Leute, dann säh's heute anders aus auf der Welt.

Der Student hingegen trug das radikal reduzierte Schuhwerk praktischer Gründe halber. Hauptvorteil war der Wegfall des lästigen Füssewaschens. Denn was sieht schon grotesker aus als der schweinchenrosa gewienerte Fuß des weißen Mannes. Politisch korrekt war nur der erdige Schwarzfuß. Wobei wintertags auch gern die im Pädagogik-Seminar grobgestrickte Socke zum Einsatz kam. Mangels Know-How in Sachen Stricken hingen die labbrigen Teile aber immer 5 cm vorne aus der Palästinenser Pantine heraus.

Eigentlicher Produktvorteil der Jesuslatsche aber war die brettharte Plansohle. Konzipiert als größtmöglicher Gegensatz zum Fußbettbot sie weder zur Seite noch in Marschrichtung ausreichend Halt. Der Verwender eierte also neben, vor, oder hinter seinem eigenen Schuhwerk durch die Straßen, immer darauf bedacht, daß die Sohle möglichst plan auf der Gehsteigplatte landete. Und genau das war der eigentliche Witz der Jesuslatschen: nur sie ermöglichten dieses tierisch coole Geschlurfe, diesen amtlichen Gang der angesagten Typen.

Gänzlich unverdächtig, irgendwelchen blödsinnigen Sport zu treiben, schlich der Jesuslatschenträger durch die Welt, um - aus Protest versteht sich - seine Haltung zu ruinieren. Bloß nich´ geradestehen, bloß nich´schnellgehen. Eine Klassesache, diese Treter: voll der Schlag in die Fresse des Establishments!

In der Rückschau betrachtet stehen die zu Recht vergessenen Jesuslatschen aber in einer Reihe mit ähnlich geartetem Sommerschuhwerk. Da hätten wir zum Beispiel die kleinbürgerliche Kampfsandale mit dem Sicherheitsgurt über dem Großen Onkel, kombiniert mit der Burlington- oder der Arztsocke. Legitime Nachfolger dieses leicht angejahrten Fußbestecks sind die Badelatschen, eigens für den samstäglichen Gang zum Bäcker erfundene Vollplastikprodukte.

Letzter Forschungsstand ist die Pantolette. Dabei handelt es sich gleichfalls um eine Vollplastik-Karkasse, die aber vorne geschlossen ist und hinten höher liegt. Das hat den Vorteil, daß der Fuß im Plasteknast auf dem eigenen Schweiß immer nach vorne rutscht und sich dort wundscheuert. Der beißende Geruch beim Abstreifen der Pantolette vom blutigen Fuß wird gemildert durch das hübsche Holzdekor auf dem Kunststoffabsatz.

Insgesamt stellt die Verwendung von Sandalen oder sandalenverwandter Fußbekleidung die höchste From der erotischen Selbstverleugnung dar. Doch immer wieder gibt es Menschen, die diesen mutigen Schritt hinaus in die Lächerlichkeit selbst unter Schmerzen wagen.

Stellvertretend für alle Nichtgefallenen draußen auf dem Felde der Ehre sei an dieser Stelle den Jesuslatschen eine Gedenksekunde gewidmet.